Hamburg-Mainz 0:5 – sechsundzwanzig Hundertstel Tor in neunzig Minuten, im eigenen Stadion
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Analyse

Hamburg-Mainz 0:5 – sechsundzwanzig Hundertstel Tor in neunzig Minuten, im eigenen Stadion

Der HSV erzeugte gegen Mainz 0,26 erwartete Tore. Schlechter waren in dieser Bundesliga nur Union Berlin und Schalke – und die spielten gegen Leverkusen und Bayern. Im Volkspark hieß der Gegner Mainz. Drei Strafraumeintritte gegen elf, sieben Torschüsse gegen siebzehn, und das fünfte Tor erzielte Ransford Königsdörffer, den der HSV im Sommer hatte ziehen lassen.

Das Urteil, vor den Zahlen

Im Volksparkstadion hat der Hamburger SV 0:5 gegen Mainz verloren.

Sheraldo Becker in der 19. Minute, Philipp Mwene in der 41., Phillip Tietz in der 48. und der 83., Ransford-Yeboah Königsdörffer in der 90.+1. Kein einziger gefährlicher Torschuss des HSV im gesamten Spiel.

Königsdörffer spielte bis zur vergangenen Saison beim HSV und ging im Sommer ablösefrei. Er kam als Gegner in den Volkspark zurück und machte den Deckel drauf.

Hamburg-Mainz 0:5 – der vollständige statistische Vergleich mit erwarteten Toren, Großchancen, Torschüssen, Schüssen aufs Tor, Strafraumeintritten und Pressing

Die Zahl: 0,26

So viele erwartete Tore hat der HSV in neunzig Minuten erzeugt, im eigenen Stadion.

Um zu ermessen, wie wenig das ist: In dieser Bundesliga waren nur Union Berlin (0,25) und Schalke (0,25) schlechter. Union spielte gegen Bayer Leverkusen. Schalke spielte gegen Bayern – und beendete die Partie mit null Strafraumeintritten.

Der HSV spielte zu Hause, gegen eine Mannschaft, die sich in der vergangenen Saison erst zum Schluss gerettet hat.

Sieben Torschüsse insgesamt. Der gefährlichste ist 0,074 wert – ein Versuch von David Møller Wolfe in der 77., geblockt. Kein einziger HSV-Schuss kam über ein Zehntel erwartetes Tor hinaus. In zwei Bundesligaspielen hat der HSV insgesamt 1,36 erwartete Tore erzeugt: der niedrigste Wert der Liga.

Wie sich die Mannschaften bewegten

Mainz hat fünf Tore erzielt, und bei den ersten drei steht immer die Handschrift von Sheraldo Becker.

Becker eröffnet in der 19. nach einem Pass von Kaishu Sano, aus einer Position, die 0,38 wert ist. Im deutschen Notenbericht zum Spiel steht am Ursprung ein Fehler von Kapitän Nicolai Remberg im Mittelfeld. Mwenes 2:0 in der 41. ist die größte Chance der neunzig Minuten – 0,92, praktisch ein Elfmeter aus dem Spiel heraus – und die Vorlage kommt von Becker. Tietz' 3:0 in der 48., drei Minuten nach Wiederanpfiff, entsteht erneut aus einer Becker-Flanke.

Becker ging in der 67. vom Platz und wurde zum Spieler des Spiels gewählt. Die deutsche Quelle schreibt, er habe »der Hamburger Abwehrreihe über die gesamten 67 Minuten enorme Probleme bereitet«. Unsere Zahlen bestätigen das aus einem anderen Blickwinkel: Becker war an den ersten drei Toren mit einem Treffer und zwei Vorlagen beteiligt, und seine eigenen vier Abschlüsse sind allein ein halbes erwartetes Tor wert.

Überraschend ist, wie Mainz dorthin gekommen ist – denn nicht durch Pressing.

Der PPDA von Mainz lag am Samstag bei 12,35. Der des HSV bei 9,68. Anders gesagt: Die Mannschaft, die 5:0 gewonnen hat, hat weniger gepresst als die, die verloren hat. Über die Saison hinweg liegt Mainz bei einem PPDA von 13,18, Rang elf von achtzehn.

Das widerspricht dem Bild, das die Bundesliga seit zehn Jahren von Mainz hat. Und genau darüber streiten unsere Quellen.

Total Football Analysis war in einer Analyse, die kurz nach Urs Fischers Amtsantritt in Mainz erschien, sehr streng. Beschrieben wurde ein Positionsspiel, »ausgelegt auf den langen Ball«, mit Mittelfeldspielern, die höher stehen als die gegnerischen Angreifer, und den beiden Halbraumspielern, die nach innen rücken, um zweite Bälle zu erobern. Der Mangel laut diesem Text: Durch das Verdichten der Räume steht der einzige Stürmer in der eigenen Hälfte und die beiden Offensivspieler sind mit zweiten Bällen beschäftigt, weshalb »Mainz oft die Tiefe fehlt, wenn die Möglichkeit zum Konter da wäre«. Und weiter: vorletzter Platz der Bundesliga bei erfolgreichen Tacklings, nur vor Bayern. »Der Mannschaft fehlt die Intensität, die sie in der vergangenen Saison hatte.«

Die Saisonvorschau von Get German Football News vom 17. August sagt fast das Gegenteil. Fischers Fußball sei »nicht derselbe zähe Tiefblock-Schrott, der mit seinen Union-Jahren verbunden wird«. Diese Mannschaft »scheint sich nicht darum zu scheren, den sprichwörtlichen Bus zu parken«, sie »macht ständig Abwehrfehler«, aber sie »hat keine Angst, ins Risiko zu gehen«. In der Vorbereitung, gegen Kaiserslautern und Holstein Kiel, habe Mainz »aggressive Ballgewinne in sofortige vertikale Angriffe verwandelt« – im 3-3-2-2, das Fischer aus seinen Union-Jahren mitgebracht hat.

Wer hat recht? Aus unserer Sicht beide, und das Spiel vom Samstag zeigt, wie.

Mainz presst nicht wieder hoch: Der PPDA sagt es, und darüber lässt sich nicht streiten. Verändert hat sich, was nach dem Ballgewinn passiert. Die Strafraumeintritts-Differenz von Mainz liegt in dieser Saison bei +15 – einundzwanzig eigene, sechs zugelassene – und ist die zweitbeste der Bundesliga hinter Bayern. Das ist keine Mannschaft, die neunzig Minuten den gegnerischen Strafraum belagert. Es ist eine Mannschaft, die nach einem Ballgewinn im Mittelfeld in drei Pässen dort ist.

Beckers Tor nach Rembergs Fehler ist genau das. Das fünfte, Königsdörffers in der 90.+1, ebenfalls: Es beginnt mit einem Dribbling, die Vorlage kommt von Mwene, und es ist 0,37 wert.

Der HSV kam dagegen mit einem auseinandergenommenen Kader in dieses Spiel. Die Saisonvorschau desselben deutschen Mediums listet den Schaden auf: Luka Vuskovic und Fábio Vieira, die beiden Leihspieler, die das Niveau der Mannschaft in der vergangenen Saison verändert hatten, waren zu ihren Premier-League-Klubs zurückgekehrt – Vieira ist inzwischen nach Hamburg zurückgekommen und trat am Samstag in der 85. einen Freistoß im Wert von 0,032. Vier Angreifer weg, darunter Königsdörffer. Die Mittelstürmerposition wird als »der dringendste Bedarf dieses Kaders« beschrieben. Patson Daka und Terem Moffi kamen erst nach Saisonstart.

Am Samstag hatte Terem Moffi einen Abschluss, in der 45., im Wert von 0,023. Patson Daka schoss überhaupt nicht. Mainz erzielte das dritte Tor drei Minuten nach der Pause, und von da an war das Spiel zu.

Dieselbe Vorschau, zwei Wochen vor dem Ligastart geschrieben, benutzte einen Satz, der heute wie eine Prognose klingt: Die Mannschaft der vergangenen Saison sei »nicht besonders elegant und häufig nicht besonders diszipliniert« gewesen, aber »schwer zu bespielen« geworden. Am Samstag war sie das nicht.

Der Saisonkontext

Der HSV hat null Punkte, null eigene Tore und sieben Gegentore nach zwei Spieltagen. Erzeugt: 1,36 erwartete Tore. Zugelassen: 4,59. Acht eigene Strafraumeintritte, einundzwanzig zugelassene.

Das Modell ist weniger gnadenlos als die Anzeigetafel – 1,25 erwartete Punkte, fast alle vom ersten Spieltag in Dortmund, 0:2 verloren bei einem mehr als ordentlichen 1,11 zu 1,31 –, aber nicht gnädig genug für einen Freispruch.

Mainz hat vier Punkte aus 4,97 erwarteten. Die Mannschaft gehört zu denen der Bundesliga, die weniger holen, als sie verdienen: Am ersten Spieltag gab es zu Hause ein 0:0 gegen Paderborn bei 1,55 erwarteten Toren gegen 0,69 und zehn Strafraumeintritten gegen drei. Dieses Spiel war in allem gewonnen außer im Ergebnis.

Fünf Tore aus 3,28 erwarteten am Samstag: die zehntgrößte bisher in den fünf großen Ligen gemessene Differenz, also steckt darin etwas überdurchschnittliche Chancenverwertung. Doch das 5:0 ist nicht gestohlen. Elf Strafraumeintritte gegen drei stiehlt man nicht.

Der ehrliche Punkt

Zwei Spieltage sind keine Saison, und für Mainz nicht einmal drei. Die +15 bei den Strafraumeintritten ist für uns die solideste Zahl von allen, weil sie nicht von Toren abhängt: Sie beschreibt, wo das Spiel stattfand. Aber sie beruht auf zwei Partien, eine davon gegen einen HSV in dieser Verfassung.

Unsere Lesart, und wir nennen sie ausdrücklich so. Das Problem des HSV erscheint uns nicht taktisch. Sieben Abschlüsse, keiner über 0,08: Das ist keine Mannschaft, die die Bewegungen falsch macht, sondern eine, der jemand fehlt, der abschließt. Die deutsche Vorschau hatte es im August geschrieben – »die Stürmerposition bleibt der dringendste Bedarf dieses Kaders« – und bislang ist das der einzige Satz, der alles erklärt, was wir gesehen haben.

Bei Mainz sind wir vorsichtiger. Ein PPDA auf Rang elf und eine Strafraumeintritts-Differenz auf Rang zwei sind zwei Werte, die normalerweise nicht zusammen auftreten. Entweder ist Mainz wirklich eine Umschaltmaschine – oder die Mannschaft hat gegen die zwei falschen Gegner gespielt. Wir werden es wissen, wenn sie auf jemanden trifft, der den Ball hält.

Die Minutenangaben stammen aus den deutschen Spielberichten: Sky Sport Deutschland, die Bundesliga-Website und das englischsprachige Portal zum deutschen Fußball stimmen bei allen fünf überein. Unsere statistische Quelle gibt sie, wie immer, eine Minute früher an.

Bei diesem Spiel sind unsere Daten ausnahmsweise vollständig: fünf Tore in der Schusstabelle, fünf echte Tore.


Die Rechnung zwischen Ergebnissen und Leistungen halten wir im Meritometro aktuell. Wer die Rohdaten ohne die Erzählung drumherum will, findet sie in der Nerd Zone.